Diplomarbeit 2001

Harald Grünauer

Biografie

Harald Grünauer, geboren 1968 in Dornbirn (Vorarlberg), lebt und arbeitet in Wien. Sein Werk entfaltet sich wie eine langsam aufgebaute Landkarte: nicht von Orten, sondern von Zuständen. Zeit, Raum, Verdichtung, Kräfte, Übergänge. Wer seine Arbeiten betrachtet, spürt schnell, dass hier nicht „ein Motiv“ gesucht wird, sondern eine Ordnung hinter den Dingen. Grünauer zeichnet nicht, um zu beschreiben. Er zeichnet, um sichtbar zu machen, wie etwas wirkt.

Was auf den ersten Blick wie sehr unterschiedliche Werkphasen erscheinen kann, ist bei ihm ein durchgehender Gedankengang. Die Themen wechseln nicht, sie verschieben ihre Perspektive. Einmal steht das Politische eines Systems im Vordergrund, ein anderes Mal das Physikalische. Einmal wird ein Kreislauf in Bildern und Videosequenzen erzählt, ein anderes Mal wird ein Feld als Linienarchitektur auf Papier gebaut. Alles fließt ineinander, weil die Methode konstant bleibt: präzises Beobachten, strukturiertes Denken und die Bereitschaft, Komplexität nicht zu vereinfachen, sondern in eine klare Form zu überführen.

Grünauers Zeichnungen sind Konstruktionen. Linien sind bei ihm keine Gesten, sondern Träger von Spannung. Schichtungen sind keine Dekoration, sondern Zeit. Das Blatt ist kein Hintergrund, sondern ein Raumkörper, der Kräfte aufnimmt, speichert und wieder abgibt. Der Betrachter steht dadurch nicht vor einem Bild, sondern vor einem Zustand, der sich erst im Sehen zusammenfügt. Diese Langsamkeit ist kein Effekt, sondern Teil der Sache. Sie ist der Preis für Dichte.

Formative Jahre: Sehen lernen, Material ernst nehmen

Grünauers künstlerische Basis entstand Mitte der 1990er Jahre. Ein prägender Impuls war die Internationale Sommerakademie Salzburg (1994) in der Klasse von Georg Eisler. Dort wurde das Sehen geschärft, nicht als „Schönsehen“, sondern als psychologische Präzision. Die Figur, der Blick, die Präsenz. Dieses Fundament ist wichtig, auch wenn Grünauer später konsequent abstrakt arbeitet. Denn wer einmal gelernt hat, wirklich zu sehen, trägt dieses Sehen weiter, auch wenn die Figur verschwindet. Ergänzend besuchte er die Wiener Kunstschule (1994–1995), wo sich Zeichnung als tägliche Praxis und als Sprache festigte.

Von 1997 bis 2001 studierte Grünauer an der Universität für angewandte Kunst Wien. Drei künstlerische Haltungen wurden zu tragenden Säulen seines Denkens. Oswald Oberhuber vermittelte ihm die Freiheit zur Veränderung und das Misstrauen gegenüber starren Formen. Stil wurde nicht zum Zuhause, sondern zum Werkzeug, das man wechseln darf, wenn die Frage es verlangt. In der Meisterklasse Bildhauerei bei Gerda Fassel wurde Raum zu einer körperlichen Realität. Statik, Volumen, Gewicht, Balance. Diese Erfahrungen sind bis heute spürbar, weil Grünauer auch in der Zeichnung wie ein Bildhauer denkt. Er „konstruiert“ auf Papier Räume, die eine eigene Schwerkraft zu besitzen scheinen. Bei Brigitte Kowanz (Diplom 2001) fand er schließlich einen entscheidenden Schlüssel: Zeit, Licht und Codierung als künstlerische Methode. Nicht als Thema, das man illustriert, sondern als Prinzip, das man formt.

Schlüsselwerk: „Wasserkreislauf“ (Diplom 2001) – Systeme als Wirklichkeit

Die Diplomarbeit „Wasserkreislauf“ (2001) markiert einen solitären Meilenstein und zeigt bereits, wie weit Grünauers Blick reicht. Die Arbeit ist eine multimediale Narration aus Video, Fotografie und Zeichnung über Wasser als Lebensgrundlage und politisches Konfliktfeld. Sie basiert auf Feldforschung in Peru (Cusco/Chumbivilcas) und ist nicht als exotische Reiseerzählung angelegt, sondern als Konfrontation mit Bruchlinien: Umweltverschmutzung, Klimaphänomene wie El Niño, soziale Ungleichheit und die Fragilität von Infrastruktur. Die Kooperation mit der Universidad Nacional San Antonio Abad del Cusco und der damalige politische Kontext in Peru bildeten den Resonanzraum für eine Arbeit, die das Konkrete nicht verlässt, aber über das Konkrete hinausweist.

Bedeutend ist an „Wasserkreislauf“ weniger das dokumentarische Material als die Denkbewegung. Grünauer schaut auf Kreisläufe, Übergänge und Störungen. Er zeigt, wie Systeme kippen können, wie Erinnerung sich über Bilder legt, wie Zeit spürbar wird, wenn sie rhythmisch organisiert ist. In Video-Modulen wie „Agua Potable“ oder „Erinnerung“ – einer Überlagerung von 180 Bildern im Takt eines Uhrgeräusches – erscheint bereits sein späteres Hauptmotiv: Zeit als Verdichtung, nicht als Linie. Für diese Diplomarbeit erhielt er 2001 den Förderpreis für bildende Kunst der Sussmann Stiftung, Wien.

Wer von hier aus auf die späteren „kosmischen“ Werkgruppen blickt, erkennt die Kontinuität. Raumzeit und Felder sind bei Grünauer keine Flucht aus der Welt. Sie sind eine Verschiebung derselben Frage. Was passiert, wenn man Systeme nicht nur gesellschaftlich, sondern physikalisch denkt. Was bleibt, wenn man die sichtbaren Ereignisse abzieht und die Kräfte betrachtet, die darunter wirken.

Zeichnung als Kern: Anerkennung, Konzentration, Verdichtung (2006)

2006 wurde Grünauers zeichnerische Arbeit zusätzlich durch den Förderpreis des Jubiläumsfonds der Dornbirner Sparkasse Bank AG ausgezeichnet. Diese Anerkennung fällt in eine Phase, in der sich seine Praxis weiter verdichtet. Grünauer löst sich zunehmend von der Idee des „einzelnen Bildes“ und bewegt sich hin zur Serie, zur Variation, zum Denken in Feldern. Zeichnung wird bei ihm zur Denkform. Nicht das Motiv steht im Zentrum, sondern die Struktur, die ein Motiv überhaupt erst möglich macht.

In dieser Zeit wird deutlicher, wie sehr Grünauer an langen Linien arbeitet. Nicht nur im wörtlichen Sinn auf großen Formaten, sondern auch in der Logik seines Werks. Eine Arbeit ist selten Abschluss. Sie ist oft der nächste Schritt in einer Kette, die sich über Jahre spannt. Diese Konsequenz macht seine Vielfalt verständlich. Verschiedene Werkphasen sind bei ihm keine Sprünge, sondern Perspektivwechsel innerhalb eines Systems.

Öffentlicher Raum: Übersetzung als Haltung (EuroArt 2015)

Im Jahr 2015 verlagerte Grünauer seine Sprache in den öffentlichen Raum. Im Rahmen des Projekts „EuroArt“ im Wiener MuseumsQuartier transformierte er ein ikonisches MQ-Hofmöbel (Modell „Viena“) zu einem skulpturalen Bildträger. Entscheidend ist auch hier die Art des Zugriffs. Grünauer dekoriert nicht. Er übersetzt. Er nimmt ein funktionales Objekt und behandelt es wie eine Schnittstelle zwischen Alltag und Kunst. Der Eingriff wird zur Frage nach Identität, Material, Zeichen und Oberfläche. Damit wird sichtbar, dass seine Arbeit nicht an das Papier gebunden ist, sondern an eine Methode: an das Denken in Strukturen.

Diese Erfahrung im Stadtraum steht nicht im Gegensatz zu den großen Papierarbeiten. Sie erweitert das Vokabular. Sie zeigt, dass Grünauers Kunst auch dort funktioniert, wo Menschen zufällig vorbeigehen. Weil die Arbeit nicht erklärt werden will, sondern Präsenz erzeugt. Eine ruhige, konzentrierte Präsenz.

Aktuelle Werkgruppen: Zeitmaschinen, Raumzeit, Partikel und Felder

Seit 2018 radikalisiert Grünauer seinen Ansatz in Werkgruppen wie „Zeitmaschine“, „Raumzeit“ oder „Partikel und Felder“. Hier wird Zeichnung zum Messfeld. Zeit erscheint nicht als Erzählung, sondern als Druck. Als Stau. Als Verdichtung im Raum. In teils monumentalen Papierarbeiten, die bis zu zehn Meter Länge erreichen können, entsteht ein Bildraum, der an kosmologische und physikalische Modelle erinnert, ohne sie je zu illustrieren. Die Linien „sprechen“ nicht über Wissenschaft. Sie verhalten sich wie Wissenschaft: prüfend, präzise, konsequent.

Grünauer interessiert weniger die Sensation des Unbekannten als die Genauigkeit des Denkens. Er orientiert sich an Logik, an Beobachtung, an überprüfbaren Vorstellungen. Seine Bilder bleiben dadurch offen, aber nicht beliebig. Sie sind geheimnisvoll, weil sie nicht alles aussprechen, und zugleich klar, weil jede Linie eine Notwendigkeit hat. In diesen Arbeiten wird das Papier zur Zone, in der Kräfte sichtbar werden dürfen, ohne dass man sie bebildert. Der Raum wird nicht dargestellt, er wird gebaut. Zeit wird nicht erzählt, sie wird geschichtet.

Dass diese Werkgruppen so unterschiedlich wirken und dennoch ineinander greifen, liegt an Grünauers konsequenter Arbeitsweise. Er arbeitet seriell, langfristig und mit klaren inneren Regeln. Seine Entwicklung verläuft nicht als Sprung, sondern als Verdichtung. Jede Phase ist ein neuer Versuch, dasselbe Unsichtbare in eine sichtbar gemachte Ordnung zu überführen. So entsteht ein Werk, das sich erweitert, ohne seinen Kern zu verlieren.

Ausstellungen & Sammlungen (Auswahl)

Harald Grünauers Arbeiten sind in institutionellen und projektbezogenen Kontexten sowie in Gruppenausstellungen präsent, unter anderem im Künstlerhaus Bregenz (Zeitmaschine, 2019) und im Bildraum Bodensee (Fluide Universen, 2019). Aktuelle Beteiligungen umfassen das Projekt „Kunst kommt vor Brot“ (milk_ressort Göfis, 2025). Seine Werke befinden sich in öffentlichen Sammlungen wie der Artothek des Bundes, dem Vorarlberg Museum, der Sammlung Illwerke vkw und der Sparkasse Dornbirn.