Konzept & Philosophie
Harald Grünauers Arbeiten entstehen aus einer Vorstellung von Welt, in der Raum, Zeit und Bewusstsein untrennbar miteinander verflochten sind. Seine Zeichnungen, Bilder und raumgreifenden Arbeiten sind keine Illustrationen von Theorien, sondern eigenständige Denk- und Erfahrungsräume. Man spürt ihnen an, dass sie aus einer langjährigen Beschäftigung mit Quantenphysik, Allgemeiner Relativitätstheorie und Wahrnehmungspsychologie gewachsen sind – aber sie funktionieren auch dann, wenn man kein einziges physikalisches Fachwort kennt.
Im Zentrum steht eine einfache, aber radikale Frage: Wie fühlt es sich an, in einer Welt zu leben, in der Raumzeit gekrümmt ist, in der Teilchen über unendliche Entfernungen miteinander verschränkt sind und in der ein Großteil der Materie unsichtbar bleibt? Grünauer beantwortet diese Frage nicht mit Diagrammen oder Formeln, sondern mit Linien, Feldern und Farbschichten. Seine Bildräume wirken wie Ausschnitte eines größeren Gefüges, in dem Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukünfte ineinander übergehen. Oft hat man das Gefühl, weniger auf ein einzelnes Bild zu blicken, als in ein System von Kräften und Bewegungen hinein.
Serien wie Time Machine, Dark Matter, When Black Holes Got Colors oder Panoramic View – Looking for Unknown Dimensions können als unterschiedliche Kapitel derselben künstlerischen Forschung gelesen werden. In den Zeitmaschinen verdichten sich Linien und Formen zu Strudeln, Bahnen und verschachtelten Zonen, die an Umlaufbahnen, Felder oder sich überlagernde Zeitebenen erinnern. Hier tritt Einsteins Idee der Raumzeit bildnerisch hervor: Nichts ist fix, nichts ist rein statisch; jede Form scheint von etwas Unsichtbarem abgelenkt, gezogen, verformt zu werden. Die Bilder vermitteln den Eindruck, dass wir uns in einem Gefüge befinden, in dem Raum und Zeit ständig neu verhandelt werden – und in dem auch der eigene Körper nur ein Reisender unter vielen ist.
Die Beschäftigung mit Quantenphysik zeigt sich an anderer Stelle in einer fast paradoxen Geste: Grünauer versucht nicht, das Unbegreifliche zu „erklären“, sondern den Zustand des Nicht-Verstehens ernst zu nehmen und ästhetisch fruchtbar zu machen. Begriffe wie Quantenverschränkung – die „spukhafte“ Verbindung zweier Teilchen über jede Entfernung hinweg – übersetzt er in Bildräume, in denen Formen gleichzeitig getrennt und verbunden erscheinen. Netzartige Strukturen, Wiederholungen, Spiegelungen und Verschiebungen erzeugen das Gefühl, dass etwas im Bild „miteinander spricht“, ohne dass man genau sagen könnte, was. Es sind Bilder, die andeuten, dass alles mit allem verknüpft ist, auch wenn diese Verbindungen unseren Sinnen entzogen bleiben.
Ähnlich verhält es sich mit der Faszination für Dunkle Materie. In Arbeiten, die sich diesem Thema widmen, stehen belebte Farbzonen, vibrierende Linien und pulsierende Punkte neben scheinbar leeren, dunklen Bereichen. Doch schnell wird klar: Leere ist hier nie wirklich leer. Das Dunkle, das Ungezeichnete, trägt eine eigene Spannung in sich. Die sichtbaren Elemente scheinen sich daran zu orientieren, von unsichtbaren Feldern gehalten oder aus ihrer Bahn gebracht zu werden. Die physikalische Tatsache, dass der Großteil des Universums aus etwas besteht, das wir nicht direkt sehen können, sondern nur über seine Wirkung wahrnehmen, schlägt sich in einer Bildlogik nieder, in der das Unsichtbare die treibende Kraft ist.
Wesentlich für Grünauers Praxis ist auch die Art und Weise, wie seine Arbeiten entstehen. Viele der großformatigen Zeichnungen werden über Monate hinweg Schicht für Schicht aufgebaut. Automatistische, intuitive Passagen wechseln sich mit hochkonzentrierten, kontrollierten Setzungen ab. Dieses Pingpong zwischen Kontrolle und Loslassen spiegelt nicht nur eine Haltung zur Arbeit, sondern auch eine Haltung zur Welt: Wir bewegen uns ständig zwischen dem, was wir planen und berechnen können, und dem, was uns entgleitet. In diesem Sinn sind die Bilder nicht nur Kommentare zu physikalischen Theorien, sondern auch zu unserem psychischen Alltag in einer komplexen Realität.
Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die körperliche Erfahrung der Betrachtenden. Viele Arbeiten von Harald Grünauer entfalten ihre Wirkung erst im Raum, wenn man ihnen gegenübersteht, sich ihnen nähert, wieder Abstand nimmt, die eigenen Augen an den Linien entlang „wandern“ lässt. Panoramaartige Formate oder übergroße Zeichnungsfelder ziehen den Blick hinein, bis die üblichen Orientierungspunkte fehlen. Es gibt keinen klassischen Vordergrund, keinen klaren Horizont, keine einfache Mitte. Stattdessen wird der eigene Wahrnehmungsapparat – Augen, Gleichgewicht, Aufmerksamkeit – zur eigentlichen Bühne. In diesem Moment verschränken sich physikalische Theorie und physiologische Realität: Der Körper spürt, was die Theorie behauptet – dass Raum relativ ist, dass Perspektive trügt, dass Stabilität oft nur eine Konvention ist.
Grünauers Werk ist damit auch eine Schule des Staunens. Es verbindet wissenschaftliche Neugier mit innerer Bildwelt, ohne die eine gegen die andere auszuspielen. Wer seine Arbeiten betrachtet, muss keine Relativitätsgleichung lösen können. Es genügt, sich auf das Sehen einzulassen – auf die Überlagerungen, die Schichtungen, die vibrierenden Zwischenräume. Dass hinter diesen Bildern ein waches Interesse an Quantenphysik, Allgemeiner Relativitätstheorie und Wahrnehmungspsychologie steckt, spürt man zwischen den Linien. Aber gerade weil das Wissen nicht vordergründig ausgestellt wird, kann sich etwas anderes einstellen: das Gefühl, für einen Moment Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein, in dem Kunst, Körper und Kosmos aufeinander reagieren.
In dieser Verbindung von Präzision und Offenheit, von wissenschaftlicher Anspielung und poetischer Freiheit liegt die besondere Qualität von Harald Grünauers Praxis. Seine Arbeiten sind keine Illustrationen der Physik, sondern eigenständige Erfahrungsräume, in denen sich Fragen nach Raum, Zeit und Bewusstsein künstlerisch verdichten. Sie laden ein, sich selbst als Teil eines komplexen, pulsierenden Gefüges zu begreifen – als Beobachter*in, als Körper im Raum und als Denkender, der sich von Linien, Farben und Formen in andere Zustände von Wahrnehmung versetzen lässt.